Zum Thema Transplantationen
Vielfach wird die mangelnde Bereitschaft zur Organspende beklagt.
Emotionale Widerstände lassen die Menschen vor der Vorstellung zurückschrecken, nach ihrem eigenen Tod könnte eine fremde Person mit einem ihrer Organe leben. Es sind Widerstände, die aus dem Bauch heraus kommen. Wird gezielt die Vernunft angesprochen und an die Humanität appelliert, so ist manch einer dennoch zur Organspende bereit. Im eigenen Tode einem anderen Menschen zum Leben zu verhelfen, diesem Appell an Vernunft und Humanität kann man sich nur schwer entziehen.
Es ist angebracht, das Thema näher zu beleuchten.
Bei einer Organtransplantation handelt es sich zweifellos um eine therapeutische Maßnahme, die das Attribut HighTech verdient, einmal was die medizinisch-chirurgischen Voraussetzungen betrifft, zum zweiten aber auch bezüglich der pharmazeutischen Nachsorge, die über viele Jahre gewährleisten muss, dass das transplantierte Organ nicht abgestoßen wird. Insgesamt haben wir es mit einer hoch aufwändigen Leistung der Gesundheitsfürsorge zu tun.
Die Gesundheitsfürsorge ist eine soziale Errungenschaft der modernen Gesellschaften, die ihren Mitgliedern die Grundversorgung sichern. Durch die Sozialversicherungen sind die elementaren Risiken des Lebens wie Alter, Krankheit und Arbeitslosigkeit abgesichert. Dies in Verbindung mit dem Gleichheitsgrundsatz der modernen Verfassungen bedeutet in der selbstverständlichen Konsequenz, dass die medizinische Versorgung allen Menschen im gleichen Umfang zur Verfügung stehen soll, umgekehrt alle weitgehend den gleichen Anspruch an die medizinische Versorgung stellen dürfen.
Nun ist es eine Erscheinung unserer Zeit, dass die Angebote an medizinischen Leistungen und pharmazeutischen Produkten immer interessanter und raffinierter werden: man ersetzt heute trüb gewordene Augenlinsen, „verschlissene“ Knie- und Hüftgelenke, teilweise wie am Fließband, die Pharmazie kompensiert lebensbedrohende oder- einschränkende Stoffwechselentgleisungen. Es sind Leistungen der Gesundheitsfürsorge, auf die alle einen Anspruch haben, und mit steigender Lebenserwartung werden sie auch tatsächlich immer häufiger in Anspruch genommen.
Experten machen uns beständig darauf aufmerksam, dass es in Zukunft nicht möglich sein wird, alle diese Ansprüche zufrieden zu stellen, wenn die Kosten der Gesundheitsfürsorge nicht ins Unermessliche steigen sollen. In diesem System von Angebot und Nachfrage darf nicht der Preis entscheiden. Vielmehr muss ein Weg gefunden werden, die Leistungen zu rationieren und zu verteilen.
Betrachten wir in diesem Licht einmal die Tatsache, dass es zu wenige Spenderorgane gibt, so stellen wir fest, dass wir hier eine natürliche Rationierung vor uns haben, die den begrenzten Mitteln des Gesundheitssystems sehr entgegenkommt. Diejenigen, die auf ein Spenderorgan warten, können nicht anders als sich in die Warteschlange einzureihen. Zugegeben, für den Betroffenen eine absolut unbefriedigende Situation.
Andererseits, schon heute machen die Kosten für Transplantationen und Nachsorge 1-2% der gesamten Gesundheitskosten aus. Auf welchen Wert würden sie steigen, wenn an Spenderorganen kein Mangel wäre, auf welchen Wert würden sie steigen, wenn für ein Spenderorgan ein Preis bezahlt werden müsste? Wie wird die Situation sein, wenn eines Tages die Biotechnik in der Lage ist, aus Stammzellen Spenderorgane zu produzieren und alle Herz-Kreislauf-Geschädigten früher oder später ein neues Herz beanspruchen? Unter diesem Aspekt können wir den Mangel an Spenderorganen akzeptieren und sogar als begrenzenden Faktor begrüßen. Er bewahrt uns noch vor der Aufgabe, die HighTech- Maßnahme Transplantation aus Kostengründen rationieren zu müssen.