Aus der Arbeit eines homöopathischen Apothekers...
..., das klingt so, als gäbe es neben normalen Apotheken auch solche, die sich ausschließlich mit homöopathischen Arzneimitteln befassen. Das ist natürlich nicht so. Wir Apotheker unterliegen einem öffentlichen Auftrag, und das schließt die Verpflichtung ein, ärztliche Verordnungen unverzüglich auszuführen und zu beliefern, egal welcher Art diese auch sind. Auch der homöopathische Apotheker lebt also von ACE- Hemmern, CSE- Hemmern, H2- Blockern, Herzkreislaufmitteln, Antibiotika, Antidiabetika usw.
Aber zuweilen ist er mit anderen Dingen beschäftigt, von denen er auf der Uni nichts gehört hat, allenfalls im spöttischen Ton.
Meine ersten und ältesten Kenntnisse zur Homöopathie stammen aus dem ersten Lehrjahr (Praktikumsjahr). Mein damaliger Lehrherr erklärte mir die Verdünnungsschritte der homöopathischen D- Potenzen und wies mir anhand der Avogadroschen Zahl nach, dass ab der D 23 kein einziges Molekül der Ursubstanz mehr enthalten sein könnte.
Damit schien zunächst der Beweis erbracht, dass es sich um Scharlatanerie handeln mußte. In meiner weiteren Ausbildung spielte das Thema keine Rolle mehr. Erst als die Lehr-, Studien- und Wanderjahre vorüber waren und ich mich selbstständig gemacht hatte, wurde ich wieder aufmerksam. Es wurden von Zeit zu Zeit kleine Vortragsveranstaltungen im Rahmen apothekerlicher Fortbildung angeboten, in denen auch von Homöopathie die Rede war und homöopathische Ärzte aus ihrem reichen Erfahrungsschatz berichteten. Arnika, Apis und Cantharis, das waren die Mittel, die als sichere Helfer in der Not vorgestellt wurden. Und es dauerte nicht lange, bis meine Familie und ich sich von dem Wert dieser drei Mittel überzeugen konnten. Da wurde mein Interesse für die Homöopathie geweckt, das sich in der Zukunft noch entwickeln sollte. So oft sich Gelegenheit bot, empfahl ich Arnika bei stumpfen Verletzungen, Cantharis bei Verbrennungen und Apis bei Insektenstichen. Bald kamen andere Mittel mit sicheren Indikationen hinzu, wie Chamomilla, Symphytun, Bryonia und Rhus tox.
Eines Tages kam eine Kundin zu mir, die seit Jahren unter Heuschnupfen litt, mit einem Ausriß aus der BILD- Zeitung in der Hand. In diesem kleinen Zeitungsartikel war von potenziertem Eigenblut die Rede, und es war eine Apothekerkollegin aus Stuttgart zitiert, die diese Eigenblutpotenzen bei Heuschnupfen empfahl. Die erwähnte Kundin fragte mich, ob das vielleicht etwas für sie wäre und ob ich ihr so etwas "besorgen" könnte. Mein Interesse war geweckt und ich setzte mich mit der Kollegin aus Stuttgart in Verbindung, deren Namen zum Glück in dem Zeitungsartikel erwähnt war. Die Kollegin schickte mir den Sonderdruck aus einer homöopathischen Zeitschrift, wo sie Herstellung und Anwendung der Eigenblutpotenzen ausführlich erläuterte. Wenig später hatte ich für meine Kundin eine Eigenblutpotenz zubereitet, die sie tatsächlich nachhaltig von ihrem Heuschnupfen befreite.
Dieser Einstieg war natürlich ein Glücksfall und deswegen sehr motivierend.
Eigenblutpotenzen, was ist das? Eine Eigenblutpotenz ist ein individuell, für einen bestimmten Patienten hergestelltes Arzneimittel. Es wird dem betreffenden Patienten ein Tropfen Blut aus der Vene, der Fingerbeere oder dem Ohrläppchen entenommen, mit verdünntem Alkohol verschüttelt und homöopathisch ausgearbeitet, potenziert wie man sagt. Auf diese Weise entsteht eine spezielle Arznei, deren Rohstoff das eigene Blut ist, und die für bestimmte akute und chronische Erkrankungen eingesetzt wird.
Der Wert der Eigenblutpotenzen und ihre Anwendung ist am ausführlichsten beschrieben von Hedwig Imhäuser, einer Kinderärztin aus Westfalen, beschrieben worden. In ihrem Buch "Homöopathie in der Kinderheilkunde", das heute in der 12. Auflage vorliegt, hat sie dem potenzierten Eigenblut ein eigenes Kapitel gewidmet. Sie hat über 900 Fälle von homöopathischen Eigenblutbehandlungen dokumentiert und festgestellt, dass besonders rezidivierende Infekte und allergische Erkrankungen wie Heuschnupfen oder Nesselsucht mit besten Aussichten behandelt werden. Aber auch akute Infektionskrankheiten wie Keuchhusten oder Windpocken reagieren mit gutem Erfolg auf die Behandlung, ebenso so spezielle Erkrankungen wie Nagelwachstumsstörungen oder Warzen unter dem Fuß.
Wenn wir mit Homöopathie beschäftigt sind, begegnen uns Begriffe wie D- Potenzen, C- Potenzen, LM- Potenzen, Q- Potenzen, Hahnemann- Potenzen, Korsakoff- Potenzen, Fincke- Potenzen. All diese Begriffe bezeichnen die Herstellungsweise homöopathischer Mittel.
Die ersten Mittel sind natürlich von Hahnemann selbst hergestellt worden. Und zwar beschreibt er zwei Möglichkeiten, von der Muttersubstanz hoch zu potenzieren. Das eine sind die flüssigen Urtinkturen, die aus pflanzlichen oder tierischen Grundstoffen entstehen, indem der ausgepresste Pflanzensaft oder tierische Grundstoff mit Weingeist gemischt wird und die dann flüssig hochpotenziert werden. Die andere Möglichkeit kommt für trockene oder mineralische, jedenfalls saftlose Stoffe infrage, das ist die Verreibung, die in der Regel bis zur 3. C- Potenz (oder bis zur 6. D- Potenz ) gebracht wird. Dann ist die Ursubstanz so sehr feinverteilt, dass das weitere Potenzieren auf flüssigem Wege geschehen kann. Die Verreibung ist die Methode, die später von Hahnemann bevorzugt wird, weil über diese Methode nahezu alle Substanzen zugänglich sind.
Die C-30 Potenz war zunächst die Standard Potenz der Hahnemannschen Homöopathie. Heute begegnen uns vielfach und beinahe überwiegend D- Potenzen, je nachdem welcher Schule der Verordner oder Produzent anhängt. Die D- Potenzen hat Constantin Hering eingeführt, der "Vater der Homöopathie In Amerika". Auch die Komplexhomöopathie, die sich von der klassischen Homöopathie wegbewegte und die Mittel nach Indikationen einsetzt und nicht mehr individualisiert, vielmehr nach schulmedizinischer Denkweise vorgeht, auch diese Komplexhomöopathie geht mit D- Potenzen um, die selten in den immateriellen Bereich potenziert werden.
Es war Hahnemanns Schülern in aller Welt überlassen, die Dynamisierung der Mittel über die C 30 hinaus weiterzutreiben. Man erkannte, dass die Mittel, je höher sie potenziert wurden, umso nachhaltiger wirkten, und die Wirkung sich von der physisch- organischen Ebene über die emotionale auf die geistige Ebene verlagerte. Der Weg zu den Hochpotenzen war beschritten. Und hier wurde die traditionelle Hahnemannsche Herstellungsweise in Frage gestellt. Hahnemann hatte nämlich für jeden Potenzierungsschritt ein neues Arzneiglas benutzt, d.h. wenn er bis zur C 30 potenziert hatte, dann standen da außer der C 30 sämtliche Vorpotenzen vor ihm und er hatte jedes Mal mit einer Pipette oder einem Tropfhaken einen Tropfen entnehmen und in das nächste Fläschchen geben müssen. Eine aufwendige, zeitraubende, materialverbrauchende Methode, mit der man kaum zur C 200, geschweige denn darüber hinaus gehen konnte.
Es war ein russischer Schüler Hahnemanns, der hier einen anderen Weg beschritt:
Wenn ich ein Arzneiglas mit homöopathischer Dilution ausleere, dann bleibt ein kleiner Rest der Flüssigkeit an der Wandung des Fläschchens haften. Das mag die Menge eines Tropfens sein oder mehr oder weniger, jedenfalls kann ich das durch Auswiegen feststellen. Ich gebe nun die hundertfache Menge dieses Restes an Ethanol hinzu, verschließe das Glas, mache 10 oder 20 Schüttelschläge, und gieße wieder alles aus, dann bleibt von dieser neuen Verdünnung wieder ein kleiner Rest zurück, ca. 1/100 der Menge , und ich kann erneut Ethanol zugeben, verschließen, schütteln, ausgießen usw., immer nur mit ein und demselben Gefäß. Im Endeffekt komme ich zum gleichen Ergebnis wie Hahnemann, nur eben erheblich einfacher. Korsakoff hieß der Mann, der diese Methode entwickelte und so die sehr hohen Potenzen erst verfügbar machte. Korsakoffs Methode heißt auch Einglasmethode und Hahnemanns Art der Verschüttelung ist analog die Mehrglasmethode. Korsakoffs Einglasmethode erlaubte es nicht nur dem pharmazeutischen Handwerker, schnell und zügig, ohne großen Materialaufwand hochzupotenzieren, seine Methode ließ sich auch mechanisieren. Man kann sich vorstellen: schütteln, ausgießen, wieder befüllen, von neuem schütteln, ausgießen usw., das kann auch ein geschickt konstruierter mechanischer Apparat. Und wenn man noch ein Zählwerk anschließt, kann man die Maschine arbeiten lassen und bei der gewünschten Potenzstufe anhalten. Damit wurden 5- stellige Potenzstufen erreichbar.
Auch bei Potenzen von 10000 und darüber hinaus stellten die Homöopathie tiefgreifende und langanhaltende Wirkungen fest, und wenn die 1000er Potenz nicht wirken wollte, dann griff man zu 10000er, und nicht selten mit Erfolg.
Und tatsächlich gibt es eine Methode der Potenzierung, bei der auch die millionste Potenz erreicht wird. Das ist die sog. Continued- flux- Methode, bei der gar nicht mehr rhythmisch potenziert wird wie bei Hahnemann oder Korsakoff, es handelt sich vielmehr um einen kontinuierlich fließenden Vorgang, bei dem das Mittel ins Extreme dynamisiert wird:
Stellen Sie sich einen Eimer vor, mit Wasser gefüllt, und lassen Sie durch einen Schlauch, den Sie hineinhalten, ständig Wasser nachfließen. In dem Maße wie ich Wasser nachlaufen lasse wird der Eimer auch überlaufen. Aber bevor das Wasser, was ich durch den Schlauch zuführe, über den Rand wieder abläuft, wird eine innige Durchmischung stattgefunden haben, bei der sich die hom Information dem Inhalt des Eimers vollkommen mitgeteilt hat. Ich denke, so muß man sich die Continued- fux- Methode vorstellen., die mit dem Namen Fincke verbunden ist und die in der Homöopathie Südamerikas eine wichtige Rolle spielt.
Beschaffung
Wenn wir uns nun auf die Suche machen nach Ultrahochpotenzen, so stellen wir fest, dass die in Deutschland gar nicht angeboten werden. Und das hat einen einfachen Grund: Die Herstellung der homöopathischen Mittel hat sich in Deutschland nach dem HAB zu richten, und das lässt als einzigen Weg Hahnemanns Mehrglasmethode zu. Mit der Konsequenz, dass alle Formen, die nicht so entstanden sind, als nicht zugelassene Arzneimittel zu gelten haben. Das bedeutet wiederum, dass ich als Apotheker diese Mittel nicht vorrätig halten darf, sondern lediglich als Einzelimport nach § 73 AMG beziehen muß und verpflichtet bin, jeden Bezug und jede Abgabe zu dokumentieren. Muß ich diese Mittel von außerhalb der EU beschaffen, so gelten sie darüber hinaus als verschreibungspflichtig, d.h. können nicht von Heilpraktikern, sondern nur von Medizinern verordnet werden. Europäische Hersteller solcher Hochpotenzen sind die Firmen Homeoden in Belgien, Nelson in London und Schmidt- Nagel in Genf. DHU als bedeutendster homöopathischer Hersteller in Deutschland ist selbstverständlich an das HAB gebunden und stellt seine Mittel nach Hahnemanns Mehrglasmethode her, bis zur 1000. Potenz.
Als letztes muß ich noch die LM- oder Q- Potenzen erwähnen. Das ist die jüngste Art der Mittelherstellung, zwar auch von Hahnemann entwickelt, aber erst seit den 50er Jahren verbreitet. Und das kam so:
Hahnemann hat es in seinen letzten Schaffensjahren, aus einer jahrzehntelangen Erfahrung heraus, nicht so sehr in der Dynamisierung, aber im Maß der Verdünnung ins Extreme getrieben. Ihm war etwa die Gabe eines Tropfens seiner Dilutionen viel zu stark, und er ging hin, nahm ca. 500 mohngroße Globuli und benetzte diese mit 1 Tropfen Dilution. Anschließend wurden diese Globuli getrocknet und am Ende hatte man in jedem Globulus 1/500 Tropfen vor sich. Daß man 500 kleine Globuli mit der Menge eines Tropfens Dilution gleichmäßig befeuchten kann, lässt sich leicht demonstrieren, indem man das mit einer Farbstofflösung macht: nach der Imprägnierung sind alle Globuli gleichmäßig eingefärbt!
Für den nächsten Potenzierungsschritt wurde eines dieser Globuli in 1 Tropfen Wasser aufgelöst und mit 99 Tropfen hochprozentigem Alkohol verschüttelt ( hier schüttelte Hahnemann 100 mal ). Von dieser Verschüttelung nahm er wieder 1 Tropfen und imprägnierte damit ca. 500 Globuli zur nächst höheren Potenz. Auf diese Weise enthält ein Globulus der Stufe 6 nur 1/50000 der Substanz wie ein Globulus der Stufe 5. Das 50000ste heißt Quinquagintamillesima, daher Q- Potenz oder auch LM für fünfzig und tausend.
Hahnemann wollte diese Art der Potenzierung in einer neuen Auflage seines Organon beschreiben, es sollte die sechste sein. Doch darüber starb er im Alter von 89 Jahren im Jahre 1843. Das Manuskript zur 6. Auflage des Organon blieb bis in die zwanziger Jahre verschollen, wurde dann aber von Richard Haehl, dem Biographen Hahnemanns, entdeckt und veröffentlicht. So bekamen die Homöopathie In aller Welt erst nach 1920 Kenntnis von den LM- oder Q- Potenzen und wie sie Hahnemann in seinen letzten Jahren selbst hergestellt hat.
Grundsätzlich werden hierzu die Muttersubstanzen verrieben und zwar bis zur C 3. Die C 3 ist die millionste Verdünnung der Muttersubstanz und wird von Hahnemann als wasserlöslich erklärt, egal von welchem Stoff wir ausgehen. Aus dieser C3 wird eine Stammlösung hergestellt, von der aus die typische LM- Potenzierung beginnt, wie erklärt.
In der Anwendung und im Einsatz der homöopathischen Mittel bestehen feine, aber deutliche Unterschiede, je nachdem ob es sich um LM- oder C- bzw. D- Potenzen handelt.
Selbstverständlich vorausgesetzt, der Behandler hat das richtige Mittel gewählt, kommt es bei LM zu keiner Erstverschlimmerung, vielmehr ist fast augenblicklich eine Wirkung festzustellen. Bleibt die Wirkung aus, hat man bald Gewissheit, dass das Mittel falsch gewählt war. Das Mittel ist „besser steuerbar“, um einen Begriff aus der Schulmedizin zu gebrauchen. LMs werden auch bei eintretender Besserung weitergegeben, ohne die Sorge haben zu müssen, dadurch den Heilprozess zu stören. Anders als bei C- und D- Mitteln kann man die Potenzhöhe beinahe vernachlässigen, man kommt praktisch aus mit LM 6 für akute Zustände und LM 18 für eher chronische Verläufe. LM- Potenzen wirken rascher und auch sanfter. Interessant ist noch Hahnemanns Anweisung zum Gebrauch der LMs, diese vor jeder Einnahmen zu schütteln, d.h. 10 mal in die Hand zu schlagen. Auf diese Weise befindet sich jede Gabe in einem höheren Dynamisierungsgrad, was vom Organismus williger akzeptiert wird als die mehrfache Wiederholung immer der gleichen Information.
Unsere Arbeit in der Apotheke berührt alle angesprochenen homöopathischen Methoden und Belange.
- Die Herstellung umfasst Eigenblutnosoden und Autonosoden aus Körpersekreten
- Potenzierte Allopathika, N- acetylcystein oder individuelle Rezepturen zur "Entwöhnung von chemischen Mitteln"
- Beratung zur Anwendung und Einnahme homöopathischer Mittel
- Zusammenstellung homöopathischen Hausapotheken aufgrund unsere Empfehlung oder individuell nach Kundenwunsch
- Verkauf homöopathischer Literatur
- Multiplikation der homöopathischen Idee.